April - Vitne

Durch seine Schule in Charleston im US-Bundestaat South Carolina kam Joseph Kimbrell alias Vitne zum ersten Mal in Berührung mit der Musik. Er spielte hier mit Geige und Querflöte zunächst Orchesterinstrumente und musizierte im Spielmannszug und im Schulorchester. Doch sein Zuhause fand er in deutlich härterer und lauterer Musik - und vor allem weit weg von den Vereinigten Staaten: in Norwegen. Wir haben Vitne am 15. April bei Kiel dreht auf vorgestellt.

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Auf der weiterführenden Schule spielte Joseph zum ersten Mal in einer Punkband. "Zu singen habe ich mich noch nicht getraut, also habe ich Bass gespielt", erzählt das instrumentale Multitalent. Trotzdem sei die Zeit mit der ersten Band sehr lehrreich gewesen. Sie hätten unzählige Auftritte gespielt und trotz zunächst ausbleibenden Erfolgs nicht aufgegeben.

Während seines Studiums brachte Joseph sich selbst Gitarre bei und begann, eigene Songs zu schreiben und aufzunehmen. Zusammen mit dem Sänger und dem Schlagzeuger der alten Schulband gründete er die Band "Golden Palace".


Bild: Joseph Kimbrell alias Vitne (Quelle: Vitne

Im Jahr 2010 begann für Joseph ein neuer Lebensabschnitt. Er folgte seiner Freundin in deren Heimat Norwegen und ist bis heute mit ihr in der Hauptstadt Oslo geblieben. Hier spielte Joseph in einer Glam-Metal-Band zusammen mit vier Norwegern. Die eigentliche Solokarriere unter dem Namen Vitne beginnt mit dem Ende dieser Band im Jahr 2013. "Die familiäre Situation und die Arbeit machten es unmöglich, die Band zusammenzuhalten. Also beschloss ich, alleine weiterzumachen."

Die Idee zum Künstlernamen "Vitne" bekam Joseph beim Fernsehen, genauer während eines amerikanischen Krimis. Da im norwegischen Fernsehen die meisten ausländischen Produktionen nicht synchronisiert werden, wurden lediglich norwegische Untertitel eingeblendet, die Joseph mit einem halben Auge mitlas.
"Es ging um einen Zeugen in dem Kriminalfall. Auf Norwegisch heißt Zeuge 'vitne'. Plötzlich wurde also dieses Wort unten eingeblendet und ich dachte mir: Hey, das könnte cool klingen!"

An dem Namen gefiel Vitne außerdem, dass "Zeuge" eine tiefere Bedeutung habe und nicht bloß ein willkürlich ausgewählter Begriff sei. "Es ist nicht etwas wie 'James', zum Beispiel. Es ist einzigartig."

Seine Musik beschreibt Joseph als "melodischen Rock". Einflüsse auf seine Musik stammen vor allem aus den Achtziger Jahren, konkreter Punk, Glam Metal, Hardrock und auch Japanischer Rock.
"In den letzten Jahren habe ich immer mehr Gefallen an der japanischen Musik gefunden. Ich finde es faszinierend, wie japanische Rockmusiker wie X Japan oder Gackt einem eigentlich sehr harten Song eine gewisse Schönheit verleihen", sagt Joseph. "Ich glaube, sie haben einfach eine andere Herangehensweise bei der Produktion." Mittlerweile lernt Joseph sogar Japanisch.

Etwas von Josephs musikalischen Wurzeln ist noch heute in seiner Musik vorhanden. Die Querflöte verwendet er immer noch in seinen Songs und macht seinen Klang damit einzigartig. Wohl kaum ein anderer Rockmusiker verwendet in seiner Musik eine Querflöte.
"Ich finde, die Querflöte legt eine gewisse Eleganz auf die lauten, harten Songs. Die Flöte habe ich schon immer geliebt, Flötenmusik als solche, aber auch Orchesterstücke."



Bild: Joseph Kibrell alias Vitne (Quelle: Vitne)

Joseph hat einmalige Möglichkeit, die Musikszenen seiner Heimatstadt Charleston in den USA und seinem Wohnort Oslo in Norwegen vergleichen zu können. Müsste er sich für eine von beiden entscheiden, würde er Oslo wählen. Was im ersten Moment überraschend erscheinen mag, kann Joseph triftig begründen: Allgemein habe er den Eindruck, dass seine Musik und generell die der Achtziger Jahre in Europa eine größere Wertschätzung finde. Konzertbesucher nähmen die Musik ernster und auch die Bands seien vollkommen überzeugt und begeistert von ihrer Musik.
"In Charleston war das zu meiner Schulzeit auch so, wir hatten dort eine sehr ausgeprägte Punk-Szene. Die ist mehr oder weniger gestorben, ungefähr zu dem Zeitpunkt als ich mit der Schule fertig war. Jetzt ist in Charleston die Jam-Szene riesengroß. Es wird fast nur noch herumgejammt, aber weniger ernsthaft komponiert. Das ist einfach nicht mein Ding."



Auch nach der Bedeutung seines aktuellen Songs "Make Believe" ("klarmachen") haben wir Joseph gefragt. In dem Song gehe es um innere Konflikte und schwierige Entscheidungen, die man nur mit sich alleine ausmachen könne.
"Alkohol ist ein gutes Beispiel. Eine Stimme in dir sagt dir, es tut dir nicht gut! Aber die Flasche scheint zu dir zu sprechen: 'Komm schon, ich bin alles, was du brauchst!' ('This voice is ringing in my head / You're all I need') Es entsteht ein innerer Konflikt."

Vitne - ein Amerikaner in Norwegen, der sich von japanischem Musik inspirieren lässt. Rock, dem es an Härte keineswegs mangelt, der aber trotzdem auf gekonnte Weise melodiös, harmonisch und in den Songtexten mit einer in diesem Genre selten so ausgeprägten Tiefe daherkommt.


Website: vitne.net
 

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