Schüler informieren sich am UKSH über Organspende

Am Kieler Ernst-Barlach-Gymnasium (EBG) ist es inzwischen gut gepflegte Tradition: Wenn im elften Jahrgang im Religions- und Philosophie-Unterricht das Thema Organspende ansteht, bleibt der Unterricht nicht auf die Schule beschränkt, sondern bewegt sich auch dorthin, wo Organspende tatsächlich stattfindet. Am 15. Februar hat sich der elfte Jahrgang im UKSH von Fachleuten zum Thema Organtransplantation informieren lassen.

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Die EBG-Schüler haben sich bereits im Unterricht intensiv mit dem Thema beschäftigt. Der größte Zweifel, der sich dabei herauskristallisiert hat, ist die Sorge, fälschlicherweise als tot erklärt zu werden und in einem Körperzustand die Organe entnommen zu bekommen, in dem ein Weiterleben tendenziell noch möglich gewesen wäre. Unter anderem diese Sorge wurde auf der zweistündigen Informationsveranstaltung ausführlich behandelt.

Für Organspende infrage kommen zunächst nur Menschen, die an einem Hirntod, also dem kompletten Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen sterben, etwa nach Hirnblutungen. Auch wenn das Herz noch schlägt, kann der Mensch bereits hirntot sein. Die Feststellung des Hirntods ist durch klare Definitionen und Kriterien geregelt. Bevor ein Mensch als hirntot erklärt wird, werden zahlreiche Tests durchgeführt, die dies belegen sollen. Außerdem sind an der Feststellung des Hirntods stets zwei sowohl voneinander als auch vom Transplantationsbereich unabhängige, hoch qualifizierte Ärzte beteiligt. Es bestehe absolut keine Unsicherheit bei der Festellung des Hirntods, so Neurologe Dr. Andreas Binder während der Informationsveranstaltung.

Auch ethische Aspekte der Organspende wurden beleuchtet. Ethisch betrachtet stellt die Transplantation von Organen, insbesondere bei Lebendspenden von Nieren oder Lebern, ein Dilemma dar. Der Arzt darf seinen Patienten nach oberstem ethischen Gebot nicht verletzen - indem er ihm Organe entnimmt, ist das rein objektiv betrachtet aber sehr wohl der Fall. Deshalb sei es unerlässlich, dass eine Organspende freiwillig geschehe, so Annette Rogge, Ethikberaterin des UKSH.
 



Antje Winkler von der Deutschen Stiftung Organtransplantation Region Nord (Foto: Anton Schmolze)

Ebenfalls ausführlich geschildert wurde der Ablauf einer Organspende von der Entnahme bis zur Transplantation. Antje Winkler von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) schilderte eindrücklich den großen logistischen und organisatorischen Aufwand sowie die psychische Belastung, der die Familien eines potenziellen Organspenders ausgesetzt ist. Die DSO, die vor allem eine große Organisationsrolle bei der Transplantation spielt, müsse "die schwierigste Frage zum ungünstigsten Zeitpunkt an die unglücklichste Familie" stellen, so Winkler.

Fällt ein Mensch bereits zu Lebzeiten die Entscheidung, ob er Organe spenden möchte, sollte dies nach seinem Tod infrage kommen, erleichtert er seinen Angehörigen diese Frage. Doch es mangelt an Information und Aufklärung, damit der Mensch diese Entscheidung überhaupt fundiert treffen und einen Organspendeausweis ausfüllen kann. "Die Informationen kommen immer im Pulk, dann denken die Leute kurzzeitig darüber nach", so Winkler im Interview mit Kiel FM. "Aber Organspende ist eben immer noch ein Tabu-Thema, denn wer beschäftigt sich schon gerne mit seinem Tod."

Mehr Aufklärung hält auch Oberarzt Prof. Dr. Felix Braun für essentiell. Die Thematisierung an Schulen sieht er auf einem guten Weg, allerdings sei eine flächendeckende Aufklärung aus erster Hand rein zeitlich nicht zu schaffen. Wünschenswert sei eine stärkere Aufklärung aber auf jeden Fall, so Braun im Interview mit Kiel FM: "Wir wollen die Schüler informieren, die das Thema dann auch im Freundeskreis und in der Familie diskutieren und sich so ihre Meinung darüber bilden können."
 

Dr. Felix Braun, Oberarzt Transplantation am UKSH (Foto: Anton Schmolze)

Viele offene Fragen haben nicht nur den Zeitrahmen der Veranstaltung deutlich gesprengt, sondern konnten, was viel wichtiger ist, auch aus erster Hand geklärt werden. "Man hat das Thema zwar im Unterricht durchgenommen, aber man konnte hier nochmal hören, was Experten dazu sagen und das hat schon geholfen", sagt eine Schülerin nach der Infoveranstaltung. Eine andere Schülerin hebt ebenfalls die Informationen der Fachleute hervor, bemängelt allerdings, dass die Veranstaltung zu sehr auf die positiven Aspekte der Organspende fokussiert gewesen sei und die kritischen Punkte ausgeblendet worden seien.

In ihrer Entscheidung, ob sie im Fall der Fälle ihre Organe spenden möchten, sind die Schüler des Q1-Jahrgangs durch die Infoveranstaltung deutlich sicherer geworden. Allerdings bleibt fraglich, warum der Hörsaal des UKSH für die aufwendig vorbereitete Veranstaltung mit den EBG-Schülern nur zu einem Drittel gefüllt war. Kommunikation und Kooperation mit anderen Kieler Schulen zur besseren Ausnutzung der Nachfolgeveranstaltung im nächsten Jahr wären sicherlich sinnvoll. Denn einer wachsenden Zahl an Menschen, die auf ein Organ warten bei gleichzeitig sinkender Spenderzahlen kann in der Tat nur mit umfassender Aufklärung begegnet werden. Das EBG geht hier mit gutem Beispiel voran.

Sendetermin: 18.02.2017

Text in Zusammenarbeit mit Barlissimo Magazine, Fotos: Anton Schmolze

 

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