Was tun gegen den Landarztmangel?

Knapp zweitausend Hausärzte praktizieren zurzeit in Schleswig-Holstein. Ein Drittel von ihnen ist mindestens 60 Jahre alt und wird in den nächsten Jahren seine Praxis abgeben müssen. Doch es gibt zu wenig Nachwuchs. Besonders schwierig nachzubesetzen sind Arztpraxen auf dem Land.

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Ein Landarzt muss seinen Beruf lieben, denn er ist praktisch ohne Pause im Dienst und schreibt im Zweifelsfall auch noch sonntags in der Kirche spontan Rezepte. Die familiäre Atmosphäre des Landlebens hat ihre gemütliche, persönliche Seite, doch einen Arzt kann genau das an die Grenzen seiner Belastung führen. Eine Niederlassung auf dem Land können sich viele junge Ärzte unter anderem deshalb nicht vorstellen.

Das Problem ist nicht unbekannt. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) setzt auf gezielte Information und hat bereits vor sechs Jahren eine Informationskampagne für junge Ärzte zu diesem Thema gestartet. "Außerdem können sich Medizinstudenten auf umfangreiche finanzielle Unterstützung einstellen, wenn sie in einer Landarztpraxis zum Beispiel ein Praktikum absolvieren", sagt Marco Dethlefsen von der KVSH im Barlissimo-Interview.
Die Kassenärztliche Vereinigung bezuschusst zum Beispiel Fahrtkosten zum Praktikumsort und versucht so, den Nachwuchs über finanzielle Anreize zu locken. Mit Geld alleine könne man allerdings nicht effektiv gegen den Landarztmangel vorgehen, sagt Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU) im Barlissimo-Interview. Verschiedene Politikfelder seien gefordert, um den ländlichen Raum allgemein zu stärken. "Wenn ein junger Mediziner aus Hamburg in einen schleswig-holsteinischen Landkreis gehen will, fragt er auch nach dem schulischen Angebot, dem Verkehrsanschluss und zum Beispiel schnellem Internet", sagt Gröhe. Mangelnde Infrastruktur sei einer der größten Faktoren, die junge Ärzte von einer Niederlassung auf dem Land abschreckten.
 


Bild: Der Eingang des Bundesgesundheitsministeriums in der Berliner Friedrichsstraße

Marco Dethlefsen von der KVSH stimmt Gesundheitsminister Gröhe in diesem Punkt zu. Allerdings sei der Einfluss der Kassenärztlichen Vereinigung an dieser Stelle sehr begrenzt. "Hier müssen die Kommunen mehr machen", so Dethlefsen. "Sie müssen attraktive Angebote für den ärztlichen Nachwuchs gestalten, damit auch die junge Generation aufs Land geht."

Doch der Kampf um Ärztenachwuchs wird zunehmend in immer größeren Dimensionen ausgetragen. Die einzelnen Bundesländer stehen angesichts der drohenden Versorgungslücken in direkter Konkurrenz zueinander. Einige Länder haben Fonds ins Leben gerufen, aus denen Ärzte, die eine Landarztpraxis übernehmen, Zuschüsse erhalten. Die Länder stellen abhängig von ihrer jeweiligen Haushaltssituation unterschiedliche Fördersummen zur Verfügung. Rein finanziell gesehen wird Bayern mit bis zu 60000 Euro Zuschuss bei der Übernahme einer Landarztpraxis geringfügig attraktiver als beispielsweise Niedersachsen oder Hessen mit je maximal 50000 Euro - aber allemal attraktiver als Schleswig-Holstein, wo die Landesregierung bislang keinerlei Fördermittel bereitstellt.
Die Länder befinden sich im Wettbewerb - und den hält Gesundheitsminister Gröhe an dieser Stelle auch für sinnvoll. Wettbewerb steigere den Druck auf die einzelnen Länder, das Problem Landarztmangel gewissenhafter anzugehen.
Die Kassenärztliche Vereinigung versucht unter dem Wettbewerbsdruck gezielt auch Hamburger Medizin-Studenten anzusprechen. "Wir sind mittendrin im Wettbewerb unter den Bundesländern", sagt Marco Dethlefsen. "In der Tat gibt es bei uns leider keine Förderprogramme, aber wir setzen vielmehr auf das Thema als solches und wollen den Nachwuchs direkt ansprechen, um so gute Ergebnisse wie möglich zu erzielen."
 


Bild: Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin

Eine neue Ärztegeneration stellt neue Anforderungen an ihr Arbeitsumfeld. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat einen Stellenwert gewonnen, der mit dem gegenwärtigen Zustand des ländlichen Raums nur schwer bis gar nicht vereinbar ist. Und selbst wenn infrastrukturell nachgebessert wird, kann der Ärztemangel auf dem Land wohl nicht vollständig eingedämmt werden, räumt Marco Dethlefsen ein. Nicht jede freie Praxis, schon gar nicht auf dem Land, könne in Zukunft nachbesetzt werden. "Das heißt auch, dass wir uns von der üblichen Form der Einzelpraxis immer mehr verabschieden müssen", sagt Dethlefsen. "Es wird künftig sicherlich auch eine Zentralisierung von Versorgung, gerade auf dem Land geben."

Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum wird in veränderter Form mit Sicherheit erhalten bleiben. Was dem Mangel an Ärztenachwuchs auf dem Land allerdings sehr wohl zum Opfer fällt, ist der Landarztberuf als ein Stück Kulturgut. Den Arzt, der sonntags in der Kirche Rezepte schreibt, wird es bald nicht mehr geben.

Sendetermin: 10.06.2017

Text in Zusammenarbeit mit Barlissimo Magazine
 

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